Wann wird das Extreme zu verrückt?

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Erklärungsversuch, Persönliches, Reisen
Als verrückt bezeichnen wir Eigenschaften, Handlungen oder Gedanken, die außerhalb der Normen und Regeln liegen in denen wir uns alltäglich bewegen.

Für manche ist es verrückt, roten Lippenstift oder bunte Socken zu tragen, weil das in ihrem Umfeld bereits etwas Besonderes ist. Für andere ist ein Fallschirmsprung eine Grenzerfahrung oder wir kommen beim Sport an unsere Grenzen.

Grenzen sind flüchtig.

Wo unsere Grenzen liegen, wissen wir nicht, weil uns nicht nur der Kopf in unsere Schranken verweist. Wer glaubt, die eigenen Grenzen zu kennen, wird überrascht sein, was möglich ist, wenn wir an unsere Grenzen stoßen. Grenzerfahrungen helfen mir dabei meine Stärken und Schwächen zu erkennen. Ich suche mir bewusst Bereiche bei denen ich an meine Grenzen kommen, denn jede Grenzerfahrung verschiebt meine eigene Grenze.

Verrückt wird es erst, wenn wir uns dabei selbst schaden. Deshalb war ich beim 103k Dolomiti Extreme Trail kurz davor den Lauf abzubrechen. Ich wollte bis zur Hälfte laufen, um mir zu beweisen, dass ich auch stundenlang körperlich leiden kann, wenn es sein muss. Dadurch das ich nachts einige Male umgeknickt bin und morgens zwei Mal weggerutscht bin, wollte ich aber nicht riskieren, dass ich mich im Verlauf des Rennens verletze und dann im Anschluss denke: Du hättest es wissen können.

Das Höhenprofil des 103km langen DXT
Quelle: dolomitiextremetrail.com

Das Problem: der Kopf allein weiß nicht, wann genug ist. Ich weiß nicht, wann der Punkt erreicht ist, dass meine Grenze reißt und ich über den Tellerrand falle, deshalb bin ich schon ein paar Mal über den Rand gerollt. Ich hab mir beispielsweise nach einem stressigen Tag beim Fußball spielen die Bänder gerissen oder mich nach einer sportlichen Leistungsprüfung übergeben, weil ich jeweils meine Grenzen falsch eingeschätzt hab. Der Kopf quittiert bei mir oft vor dem Körper, deshalb gehören Stürze (leider) dazu, um herauszufinden, wie ich merke, dass auch mein Körper nicht mehr kann.

Mein Körper konnte beim Traillauf in den Dolomiten noch, aber mein Kopf hat nach über sechs Stunden Dunkelheit – der Lauf beginnt im Dunkeln um 22 Uhr – nicht mehr gewusst, wo die Beine hinlaufen sollen. Nachts musste ich mich die ganze Zeit auf den kleinen hellen Fleck der Stirnlampe konzentrieren und beim Sonnenaufgang war meine Konzentrationsfähigkeit plötzlich weg. Der Kopf dachte wohl, dass der Körper im Hellen von alleine laufen kann. Dieser Zustand hat mich besorgt und war der Auslöser dafür, dass ich aufhören wollte. Wenn Kopf und Körper nicht mehr zusammenarbeiten können, dann wird es verrückt, weil wir nicht mehr wahrnehmen können, was in und um uns passiert.

Manchmal wollen wir diesen Zustand. Wir wollen im Flow sein, um durch die Welt zu fliegen. In ganz wenigen Situationen war ich während des Laufs im Flow: Bergab. Wer denkt, dass das daran liegt, weil es leichter ist den Berg runterzulaufen, war noch nie in den Alpen. Eigentlich ist es “leichter” bergauf zu laufen. Wenn man wegrutscht kann man sich schneller fangen und das Tempo ist nicht so hoch. Bergauf konnte mein Kopf aber das körperliche Leid nicht ausblenden. Jeder Schritt tat weh. Meine Fußsohlen haben gebrannt. Aber auch bergab war ich nicht im Runner’s High, das Hochgefühl beim Laufen. Ich hab mir den Lauf bis zum Ziel schön geredet und mir vorgestellt, wie ich erleichtert über die Ziellinie laufe.

Der Zieleinlauf
beim DXT

Die Erleichterung ist mir vielleicht nicht anzusehen, aber wenn ich daran denke, wie sehr sich drei Kinder gefreut haben, dass ich kurz vorm Ziel ihre Hände abgeklatscht hab, schießen mir Tränen in die Augen. Es war eine außergewöhnliche Erfahrung und der Lauf ist eigentlich nur eine Metaebene für die dabei gewonnen Erfahrungen, Emotionen und Erlebnisse. Es war für mich ein Blick in den Spiegel. Es war Kunst.

2020 wollte ich durch den Sport einen anderen Blickwinkel auf die Kunst legen. Die meisten Künstler leiden beim Entstehungsprozess ihrer Werke. Dieses Leid ist aber selten im Werk sichtbar und auch nicht unbedingt wichtig. Ein gutes Kunstwerk sollte die Betrachtenden ohne zusätzliche Erklärungen berühren. Ich hab meine Kunstwerke jahrelang als Abfallprodukte bezeichnet, weil sie mich nicht mehr berührt haben. Mich hat der Weg zum Werk berührt. Der Kampf mit der Kunst. Das Leid, und die Erkenntnis am Ende etwas Wundervolles erschaffen zu können.

Der Reiz in der Kunst liegt für mich darin immer wieder Neues zu erschaffen. Ich kann nur Neues erschaffen, wenn ich an meine persönlichen Grenzen stoße. Zuletzt hat das “extreme” Ausmaße angenommen. Ich bin 2020 über 12.000km mit dem Fahrrad durch Deutschland gefahren und hab jetzt einen 100km Traillauf in den Alpen absolviert. Die nächsten Herausforderungen mögen weniger extrem wirken, aber sie werden mich wieder an meine Grenzen bringen und ich freu mich, wenn mich andere auch künftig für verrückt halten, weil es bedeutet, dass ich mich weiterentwickle und neue Erfahrungen sammle.

P.S. Ein großer Dank an alle, die mich bei diesem Projekt unterstützt haben. Ich bin zwar alleine gelaufen, hab mich aber zu keinem Zeitpunkt allein gefühlt.

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1 Kommentar

  • Thomas

    Nochmal Gratulation. Macht Spaß darüber zu lesen 🙂

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