Mit dem Fahrrad in die Ferne

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Persönliches, Reisen
2020 will ich ausschließlich mit dem Fahrrad in die Ferne reisen. Wer das weiß, will meistens von mir wissen, warum: wegen dem Klimawandel, weil mein Auto kaputt gegangen ist oder wegen Greta? Es gibt nicht die Antwort, sondern nur mein Bauchgefühl.

Erklärungen kosten mich, im Gegensatz zu intuitiven Entscheidungen, Zeit und Energie. Möglicherweise ist das der Grund, warum ich nicht immer nach Erklärungen für meine Handlungen, die aus dem Bauch heraus entstanden sind, suche. Ich weiß nicht, warum ich mich eigentlich dafür entschieden hab, Künstler zu werden. Und in den seltensten Fällen kann ich erklären, wie oder warum die Idee zu einem Kunstwerk entstanden ist. Wenn ich mich nach dem Warum frage, dann nicht warum ich eine Entscheidung getroffen hab, sondern warum ich mit dem Ergebnis zufrieden oder unzufrieden bin, um künftige Entscheidungen besser zu treffen. Zumindest glaube ich, dass das mein Handeln beschreibt.

Das ist aber keine Antwort auf die Frage, warum ich 2020 alle Fernreisen mit dem Fahrrad plane. Die Idee dazu hat sich entwickelt. Wer die Podcast-Folge „Wie meine Ideen entstehen und wachsen“ gehört hat, erinnert sich vielleicht an das Bild der Schubladen. Mein Kopf ist voller Schubladen in denen ich Ideen, Gedanken und Bilder verstaue. Mein Kopf ist wie eine Werkstatt in der ich meine Arbeitsmittel organisiere, sortiere oder suche. In den Schubladen befindet sich mein geistiges Handwerkszeug, das gemeinsam mit meinen handwerklichen Fähigkeiten die Grundlage für meine Kunstwerke ist.

Über den Inhalt meiner Schubladen rede ich ungern. Es sind persönliche Erfahrungen, Träume oder Gedanken, doch sollten aus meiner Sicht Handlungen oder Kunstwerke immer für sich selbst sprechen. Aber um ein Gefühl dafür zu bekommen, warum mein Bauchgefühl dieses Jahr Fahrrad fahren will, öffne ich ein paar der Schubladen.

Es ist schon immer mein Traum einmal die Tour de France nachzufahren. Die gleichen Etappen, das gleiche Pensum, allerdings in meinem Tempo und zu einem anderen Zeitpunkt im Jahr. Ob und wann ich das mache, ist völlig offen. Warum ich mir das antun möchte? Weil ich Lust darauf hab. Genauso wie andere gerne ins Fußballstadion, Museum, Theater oder in die Oper gehen: weil es Spaß macht.

Ich hab Spaß am Fahrrad fahren.

Sport macht mir meistens Spaß und ich mache auch gern unterschiedliche Sportarten. Auf meiner sportlichen Wunschliste steht schon seit Jahren ein Langdistanztriathlon. Mitte letzten Jahres hab ich mich für das diesjährige Cologne Triathlon Weekend angemeldet. Ich wollte 4km schwimmen, 120km Radfahren und 30km laufen. Ob die Veranstaltung stattfindet ist unklar. Im letzten Jahr musste das Cologne Triathlon Weekend kurzfristig abgesagt werden und es bleibt abzuwarten, ob der Veranstalter die Insolvenz abwenden kann. Ich hab auf jeden Fall neben dem Laufen mit dem Radtraining begonnen und mir bereits bei meiner Anmeldung vorgenommen so viele Strecken wie möglich mit dem Fahrrad zurückzulegen, um möglichst wenig zusätzliche Zeit in das dennoch zeitintensive Training zu investieren.

Mein Training wird seit dem Delicious Trail immer mehr, weil ich mich im Anschluss an den Lauf auch noch für den 103km langen Dolomiti Extreme Trail angemeldet hab. Warum? Weil mich die Herausforderung reizt und ich nicht weiß, wie lange ich mein aktuelles sportliches Niveau halten kann. Als ich vor über zehn Jahren zum ersten Mal an einem Marathon teilgenommen hab, wollte ich danach auch weiter trainieren, um in der Folge bei einen Triathlon teilzunehmen. Damals hatte ich mich aber nicht direkt angemeldet und über den Winter komplett die Form verloren. Deshalb hab ich mich dieses Mal direkt zu weiteren Wettkämpfen angemeldet und konnte meine Form bislang stetig steigern.

Mein sportlicher Ehrgeiz ist nicht der einzige Grund, warum ich 2020 ausschließlich mit dem Fahrrad verreisen will. Durch den Klimawandel versuche ich meinen Lebensstil anzupassen. Ich bin zwar kein Paradebeispiel für einen klimaneutralen Lebensstil, aber vielleicht für den ersten Schritt dahin.

Wie passt das dann aber dazu, dass ich durch meine sportlichen Ziele neues Equipment kaufe und zu Wettkämpfen reise?

Ich hab das Gefühl meine sportlichen Ziele verschlechtern meine Ökobilanz. Ich hab mir neues Equipment gekauft und bin für den Delicious Trail Dolomiti für ein Wochenende in die Dolomiten gereist. Ich bin zwar mit der Bahn gefahren, hab mich aber trotzdem gefragt welchen Wert der Wettkampf hat. Hätte ich auch teilgenommen, wenn ich mit dem Fahrrad angereist wäre? Wie wichtig sind mir Reisen? Und welchen Mehrwert bieten mir Reisen?

Ich bin gerne unterwegs, weil ich Abwechslung mag. Reisen brechen die tägliche Routine. Aber alltägliche Abwechslung verschafft auch ein gutes Gespräch oder ein neues Gericht. Ich muss nicht in ein anderes Land fliegen, weil Abwechslung Kopfsache ist. Ich geh beispielsweise ähnliche Strecken joggen. Trotzdem ist nicht jeder Lauf gleich, weil ich die Zeit beim Laufen nutze, um über Dinge nachzudenken. Und das sind immer andere Themen.

Das Radfahren schenkt mir zusätzliche Zeit zum Nachdenken. Bislang verreise ich meistens mit der Bahn und nutze die Zeit, um Texte zu schreiben, Bücher zu lesen oder zu schlafen. Ich finde Bahnreisen deutlich entspannter als Flugreisen. Man geht zum Bahnhof, steigt in den Zug ein, setzt sich auf einen freien Platz, fertig. Beim Fliegen muss ich zum Flughafen, einchecken, je nachdem Gepäck aufgeben, warten bis Zeit zum Boarden ist, meinen Platz suchen, die Sicherheitshinweise über mich ergehen lassen und ich sitze wesentlich beengter als in der Bahn.

Mit dem Fahrrad entfällt das alles und ich kann einfach losfahren. Ich bin zwar langsamer als mit dem Auto, Zug oder Flugzeug, aber da für mich die Abwechslung im Vordergrund steht, stört mich das nicht. Ich finde es sogar sehr spannend meine Reisen und das Jahr zu planen. Das ist für mich eher unüblich. Mit meinem VW Bus bin ich einfach losgefahren und hab mich treiben lassen. Das werde ich zwar mit dem Fahrrad auch versuchen, aber je nachdem wo ich hinkommen will, muss ich täglich weite bis sehr weite Distanzen zurücklegen und die An- und Abreise zu den Wettkämpfen muss ich ebenfalls planen. Das werden viele Herausforderungen. Und ich liebe Herausforderungen.

Ich bin eigentlich immer auf der Suche nach Herausforderungen. So entstand im letzten Jahr das zeitweise wöchentliche YouTube-Format Lass Laufen. Deshalb hab ich bereits zwei Mal am 24 Hour Project teilgenommen, während meines Studiums eine große Installation zum 625. Jubiläum der Universität Heidelberg realisiert und es mit einem Bild ins Neo Magazin geschafft.

Über die Herausforderung in diesem Jahr werde ich in meinem Blog und bei Instagram berichten. Es sollen aber nicht nur Erfahrungsberichte meiner Reise sein, sondern ich möchte auch über Themen berichten, die mich während meiner Reise beschäftigen. So ist auch mein Buch „Wie ich berühmt werden wollte. Und scheiterte“ in Taiwan entstanden. Ich hab damals die Zeit genutzt, um über alles Mögliche nachzudenken und meine Gedanken aufgeschrieben.

In einer Schublade in meinem Kopf steckt auch die Idee aus der Reise einen Film zu machen. Keine Dokumentation, sondern eher ein Kommentar. Ich würde gerne den Stil der Reihe Lass Laufen nutzen, um die diesjährigen Eindrücke so aufzubrechen, dass ich nicht nur ein Abbild meiner Reise zeige, sondern eine inhaltliche Ebene kreiere, die zwischen dem was ich objektiv und subjektiv erlebt hab, angesiedelt ist und dem Zuschauer die Möglichkeit für eigene Gedanken gibt. Der Film ist jedoch nicht der Grund für meine Reise, deshalb kann es auch sein, dass die Idee in der Schublade stecken bleibt.

Wer meinem Vortrag „Wie bist Du darauf gekommen?“ bei der Nerd Nite in Düsseldorf gehört hat, weiß, dass meine Ideen und Projekte sich laufend entwickeln. Mit Höhen und Tiefen und ganz viel Ausprobieren. Dieser Prozess gilt nicht nur für meine Kunstwerke, sondern auch für mein Leben: Laufen lassen.

Dieser Text ist letztlich keine direkte Antwort auf die Frage, warum ich in diesem Jahr mit dem Rad verreise, aber hoffentlich verschafft er einen Eindruck, ein Gefühl, für mein Vorhaben.

P.S. Warum die Kategorie meiner Reiseberichte „Gravel Travel“ heißt, ist leicht erklärt: ich bin mit einem Gravel-Bike, einem geländegängigen Rennrad, unterwegs…

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