Drielandenpunt Trail 2020 – wie Laufen zur Kunst wird

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Der Drielandenpunttrail findet im Dreiländereck bei Aachen statt. Da das Rennen im Februar wegen Sturm Sabine abgesagt wurde, bin ich zum zweiten Mal von Düsseldorf nach Aachen geradelt.

Der Ablauf des Laufs ist schnell erklärt: Die Strecke führt kreuz und quer durch die Wälder am Dreiländereck. Vereinzelt verlief die Strecke auf breiten Forst- oder Waldwegen, aber überwiegend auf teilweise komplett verschlammten Pfaden. Ich bin nicht nur mehrfach mit meinem ganzen Schuh im Schlamm versunken, sondern auch einmal gestürzt, einmal hab ich durch den Gegenwind meine Mütze verloren und wir mussten mehrere umgestürzte Bäume überqueren.

Trotz der schwierigen äußeren Umstände hat der Lauf großen Spaß gemacht und ich hab mich im Rennen kontinuierlich nach vorn, bis auf den 4. Platz, gearbeitet. Das Podest hab ich zwar knapp verfehlt, aber meine Leistung hat sich in den letzten zwölf Monaten so stark verbessert, dass ich mit der Entwicklung sehr zufrieden bin. Ohnehin hat der Leistungsgedanke – auch wenn ich mir für meine Trainingspläne Zielzeiten vornehme – keine Priorität, denn das Laufen und Rad fahren haben sich für mich zum Kunstprojekt entwickelt.

Kann Laufen zur Kunst werden?

Kunst verbinden die meisten immer noch mit Kunstwerken in Galerien und Museen. Dabei sind das gewöhnliche Gegenstände, die erst durch den Betrachter zur Kunst werden. Wenn ich eine Arbeit betrachte, führe ich zunächst einen Monolog. Was sehe ich, was ist die Botschaft oder wie gefällt mir die Arbeit, sind Fragen, die ich mir stelle, wenn ich vor einem Kunstwerk stehe. Am wichtigsten ist, dass mich die Arbeit in irgendeiner Form berührt. Wenn das passiert, wird aus dem Monolog ein Dialog. Ich kann zwar nicht immer mit Worten ausdrücken, warum mir eine Arbeit gefällt, was die Bedeutung ist oder was mir eine Arbeit vermittelt, aber wenn sie mich berührt, hab ich das Gefühl, dass die Arbeit mir Antworten gibt; auch auf Fragen, die ich vielleicht gar nicht gestellt hab.

Wenn ich selbst an einem Kunstwerk arbeite, ist der Ablauf ähnlich. Erst wenn ich das Gefühl hab, dass ein Werk keiner Erklärung bedarf, um mit mir oder anderen zu kommunizieren bzw. uns zu berühren, bin ich zufrieden. Kunst muss meiner Meinung nach Impulse setzen. Ein Impuls muss aber nicht zwangsläufig zu neuen Ideen, Gedanken oder Erfahrungen führen. Kunst kann zwar die Welt und das Leben hinterfragen, aber ich bin schon glücklich, wenn ich einfach einen neuen Impuls bekommen hab.

Und diese Erfahrung mach ich auch beim Laufen. Da ich meistens allein und abgesehen von Wettkämpfen ohne Musik im Ohr unterwegs bin, hab ich viel Zeit mich beim Laufen mit meinen Gedanken auseinanderzusetzen. Und auch dieser Monolog wird manchmal zum Dialog. Denn wenn ich beim Laufen abschalten kann, verselbständigen sich meine Gedanken und ich bekomm neue Impulse. Manchmal eine konkrete Idee, manchmal nur ein Gefühl. Diese Eindrücke versuch ich zu sammeln und zusammenzusetzen. So entstand beispielsweise die Idee ein Jahr ausschließlich mit dem Fahrrad zu verreisen. Dieses Vorgehen ist auch typisch für meine künstlerische Arbeit. Deshalb kann ich selten erklären, wie eine Idee oder ein Projekt entstanden ist. Meistens gibt es keinen Startpunkt, sondern ein Kunstwerk bündelt viele Gedanken und schließt eine Schaffensphase ab.

Momentan frage ich mich, ob das Laufen eine Metapher für den künstlerischen Prozess ist oder ob es zum Kunstwerk werden kann.

Der Entstehungsprozess eines Kunstwerks ist geprägt von Höhen und Tiefen. Von Liebe und Hass auf die eigene Arbeit. Jeder der einmal etwas gezeichnet hat, das nicht den eigenen Vorstellungen entsprochen hat, kann nachvollziehen welche Kämpfe ein Künstler mit sich selbst ausfechtet. Die Unzufriedenheit mit dem eigenen Werk kann beim Künstler zum existenziellen Problem werden, weil die eigene Existenz eng mit der Kunst verwoben ist. Das führt dazu, dass ich ein Werk so lange weiterentwickle bis es meinen Vorstellungen entspricht. Dabei bewege ich mich oft am körperlichen Limit und anstatt abzuschalten, versuche ich immer noch einen Schritt weiterzugehen. Ähnlich ist es beim Laufen. Die Leistungssteigerung hat keine Priorität – natürlich würde ich mich freuen, wenn ich dieses Jahr einmal auf dem Podest stehen würde – sondern ich versuche mein Kunstwerk, das Laufen, zu verbessern und weiterzuentwickeln.

Ich trainiere beispielsweise unterschiedliche Einheiten und beobachte, ob ich auf unterschiedliche Gedanken komme. Ein Traillauf ist geistig anstrengender als ein Straßenlauf, weil ich mich mehr auf den Untergrund konzentrieren muss. Außerdem frage ich mich, was der 100 Kilometerlauf im Juni in mir auslöst und wie ich die Probleme, die entstehen, weil ich meine Reisen nur mit dem Rad plane, löse. Vor allem weiß ich nicht, in welcher Form ich meine Arbeit präsentieren soll, um meinem künstlerischen Anspruch gerecht zu werden.

Spontan könnte man an eine Performance denken. Aber wenn das Laufen eine Performance wäre, würden die Zuschauer bei einem Wettkampf mein Werk betrachten – aber für die Zuschauer steht meine sportliche Leistung im Vordergrund. Deshalb wollte ich meinen Blog und meine Videos als Ausdrucksmittel für die Gedanken, die ich beim Laufen bekomme, nutzen. Dann wäre das Laufen allerdings nur die Quelle für neue Ideen und Inspiration. Ich hab aber das Gefühl, dass auch die einzelnen Aktivitäten den Betrachter berühren und inspirieren. Dafür muss ich aber nicht die einzelnen Trainingseinheiten oder Aktivitäten erklären; ähnlich wie bei einem Kunstwerk im Museum.

Der Zugang zur Kunst führt nicht unbedingt über eine Museumsführung, die den Künstler und sein Werk erklärt. Der sachlichen Auseinandersetzung mit einem Kunstwerk fehlt die Emotion. Eine Führung kann aber den Zugang erleichtert und dabei helfen, dass der Betrachter vom Werk emotional berührt wird. Ich hoffe, dass diese einführenden Gedanken in mein neustes Projekt nicht nur meinen Antrieb erklären, sondern beim Lesen etwas ausgelöst haben. Denn die Texte, Videos und Bilder sollen nicht nur den künstlerischen Prozess greifbarer machen, sondern ich hoffe, dass daraus am Ende ein Werk entsteht.

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