Die Verlogenheit des Seins

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Blog Freilichttexterei
Authentische Bilder und Geschichte, beispielsweise von Kaffee und Kuchen bei Oma, kommen gut. Dabei ist das mit der Authentizität nicht so einfach, denn der Mensch ist mehrdeutig und genauso wie die Welt nicht linear gestrickt. Deshalb kann Greta die Galionsfigur von Fridays for Future bleiben, selbst wenn sie für einen Termin in ein Flugzeug steigen würde.

Mich widern die an, die behaupten, dass das Gretas Glaubwürdigkeit zerstören würde. Wer wäre denn dann überhaupt glaubwürdig? Die Welt ist nicht so einfach wie sie erscheint – deshalb tun wir uns selbst mit Kleinigkeiten schwer. Ich versuche beispielsweise seit Ende letzten Jahres Gemüse den Jahreszeiten entsprechend auf dem Markt um die Ecke zu kaufen. Eigentlich ganz einfach. Eigentlich.

Denn einfacher ist alles so zu lassen wie es ist. Außerdem bin ich kein Fan davon bedient zu werden, sondern treib lieber planlos durch Supermärkte und schau, was am Ende in der Tasche landet. Ich hab mir allerdings immer vorgenommen, dass es keine Ausreden für bewussteren Konsum geben darf, wenn ich aus finanziellen Gründen nicht mehr ausschließlich auf TIP-Produkte angewiesen bin.

Wäre jetzt ein Blumenkohlbild bei Instagram authentisch?

Über meinen wöchentlichen Einkauf wollte ich eigentlich kein Wort verlieren, sondern mich mit den authentischen Worten anderer beschäftigen. Instagram ist voll von Texten über einen bewussteren Lebensstil.

Weißt du wieviel deiner Zeit du damit verbringst, mehr oder weniger effektiv an deinem Handy zu daddeln?

Insta, Facebook, Pinterest, 9gag, TikTok und wie sie nicht alle heißen – die Apps, die Social Media Kanäle, die genau das wollen, dass du möglichst viel Zeit investierst, dir all das reinzutun oder die Maschinerie mit anzufüttern, in dem du selber postest, Storys dropst, interagierst.

Was könntest du wohl alternativ anstellen mit dieser Zeit? Und kennst du deine Bildschirmzeiten?

Ich habe mir in instagram eingestellt, dass ich einen Hinweis bekomme, wenn ich bereits eine Stunde am Tag auf der Plattform verbracht habe.

Das habe ich nachdem ich mal genauer überblickt habe, dass ich im Schnitt 2 Stunden täglich hier abhänge und in InstaStorys weiterer Kollegen Zeiten geteilt wurden, die weit darüber hinaus gingen.

2 Stunden täglich und das ist nur Instagram, da gibt’s ja noch weitere Apps. So lässt man sich einlullen, zum Zombie machen und von der Realität trennen.

Und für was? ? Was gibt dir Social Media und was nimmt es dir vielleicht sogar?
Um so mehr du konsumierst, um so weniger produzierst du. Das resultiert aus dem Zeitverlust und der Tatsache, dass du dir dein Hirn “VOLL” machst.

Vielmehr sollte es in unserem Interesse liegen, “leer” zu werden. Leer um uns mehr zu spüren, in unsrem Sein zu begreifen und Kreativität aus unserem Inneren zu schöpfen!

Natürlich suchen wir uns gerne Inspiration im Außen und in gewissen Maße, kann das sogar freudvoll und förderlich sein. Ich lasse mich mehr auf Pinterest inspirieren… ?

UND ich möchte unbedingt weniger konsumieren, bei mir sein, weniger Inspiration im Außen suchen und aus meinem Inneren schöpfen… Wie siehst du das?

Ich sehe es so, dass geheuchelte Authentizität aus dem Text trieft. Um einen Instagramaccount aufzubauen, muss man Zeit investieren. Und es ist doch auch nicht schlimm. Wer hat die Kompetenz zu bewerten in welchem Bereich Zeit besser oder schlechter gesteckt wird. Einzig Einseitigkeit mag problematisch sein, weil dann der Blick in der Blase stecken bleibt. Aber es darf doch jeder mit seiner Zeit machen was er oder sie will ohne zu bewerten, was besser oder schlechter ist.

Außerdem: Welches „Sein“ soll ich denn begreifen? Was soll ich spüren? Von welcher Leere ist die Rede?

Das sind leere Phrasen, die vielleicht bei den Followern gut ankommen, aber mich unfassbar wütend machen, weil sie meiner Meinung nach die Ignoranz der Urheber unterstreicht. Wobei es auch nicht ungewöhnlich ist, dass man die eigene Authentizität mit der des Umfelds verwechselt. Schließlich entscheiden die Zuschauer darüber, ob man sich authentisch verhält.

Viele Künstler versuchen daher gar nicht erst authentisch zu sein, sondern schenken dem Betrachter was er als echt akzeptiert und ihn fasziniert; nennt man auch Markenbildung. „Je mehr ich mich unverwechselbar mache, desto mehr steigere ich meinen Wert; und dieser Wert ist mein Tauschwert, meine möglichst hochpreisige Austauschbarkeit.“ Der Satz aus Diedrich Diederichsen Artikel für die ZEIT beschreibt den Umgang mit Authentizität. Wir wollen nicht akzeptieren, dass das meiste relativ ähnlich ist und stützen uns stattdessen gegenseitig darin, dass wir oder ein Produkt wirklich besonders sind.

Ich wünsch mir, wir würden nicht versuchen die Welt besser zu machen als sie ist, sondern akzeptieren, dass das Leben wie eine Torte ist: gekrönt mit einer Kirsche, die ein großer Haufen Scheiße ist. Und solange wir außen rum essen können, ist das doch auch ok.

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