385km in 27 Stunden (mit dem Rad)

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Die Geschichte ist schnell erzählt: 20 Stunden saß ich tretend auf dem Rad. Die restlichen sieben Stunden hab ich Pausen gemacht, war Einkaufen oder Fotografieren. Es war die längste Radtour meines Lebens. Ich hab sie nicht geplant, sondern mich spontan dazu entschieden.

Jeder hat Ideen, die man gerne umsetzen würde, aber es aus unterschiedlichen Gründen nicht tut. Da ich 2020 ausschließlich mit dem Fahrrad verreise und deshalb auch die Strecke von Düsseldorf in mein Heimatdorf Schömberg auf dem Plan stand, hab ich mich bei meiner Jahresplanung gefragt, ob ich die Strecke am Stück fahren könnte. Die Idee hab ich wieder verworfen, weil mir die Fahrdauer zu lang erschien. Selbst ohne die 26kg Gepäck, die ich bei dieser Tour an meinem Rad befestigt hatte, und einem Schnitt von 27,4 km/h, das ist mein bisheriger Bestwert bei einer 75km langen Tour, wären es 14 Stunden um ohne Pausen von Düsseldorf nach Schömberg zu fahren.

Den Hinweg von Düsseldorf nach Schömberg hab ich deshalb aufgeteilt. Die erste Etappe ging von Düsseldorf bis Bingen. Für die knapp 200km hab ich zehn Stunden gebraucht und wurde mit einem idyllischen Schlafplatz neben einem Feld, angrenzend an ein Naturschutzgebiet, belohnt.

Bikepacking mit Camping

Mein versteckter Schlafplatz direkt neben einem Naturschutzgebiet

Von Bingen nach Schömberg waren es 185km und ich bin über zehn Stunden gefahren, weil die Strecke wesentlich welliger war als am ersten Tag. Danach hatte ich einige Tage Probleme mit meinem Hinterteil und bin zum wiederholten Mal in ein Fahrradfachgeschäft gegangen, um mich beraten zu lassen. Nachdem man mir im ersten Laden erklärt hat, dass ich mich an einen Sattel gewöhnen müsse, wurde mir dieses Mal ein härterer Sattel empfohlen. Der Inhaber hat mir zwar auch gesagt, dass der Sattel keine Beschwerdefreiheit garantiert, aber meine Schmerzen auf ein Sattelmodell für kürzere Strecken hindeuten.

Den neuen Sattel hab ich bei einer 160km langen Tour in den Süden Deutschlands ausreichend testen können. Die Tour war zwar nicht komplett beschwerde-, aber schmerzfrei. Nach 160km auf dem Rad ist es für mich akzeptabel, wenn ich die Belastung spüre, solange ich keine Schmerzen hab. Die Schmerzgrenze hab ich auf dem Rückweg überschritten und bin bei Breisach in die Bahn eingestiegen.

Ich bin bereits bei strömendem Regen losgefahren. Anfangs war das noch kein Problem, sondern hat sich abenteuerlich angefühlt. Aber nach zwei Stunden war ich trotz Regenausrüstung komplett nass. Und weil das Wetter immer kühler wurde, bin ich durch den Fahrtwind so ausgekühlt, dass ich die Tour abgebrochen hab. Es blieb allerdings eine Tortur. Meine Wechselkleidung war feucht, weil durch die Nähte Wasser in die Taschen eingedrungen ist. Deshalb stand ich an jedem Bahnhof mit klappernden Zähnen und war immer froh, wenn ich mich in den Zügen aufwärmen konnte.

Solche Probleme hatte ich bei der Tour von Schömberg nach Düsseldorf nicht. Im Gegenteil. Das Wetter war wie bei der Hinfahrt super und ich hab die Tour zum Filmen und Fotografieren nutzen können.

Radreise durch die rheinhessiche Schweiz

Durch die rhein-
hessische Schweiz

Übernachten wollte ich wieder im Zelt. Am liebsten an der gleichen Stelle – hinter der Scheune – direkt am Radweg. Davor war ich noch einkaufen und hab erst hinter der Kasse gemerkt, dass ich zu viel für meine Taschen im Einkaufswagen hatte. Damit fingen die Probleme an. Ich hatte so viel eingekauft, weil ich am zweiten Tag an keinem Supermarkt halten wollte. Deshalb lagen in meinem Wagen 6l Wasser, 1l Saft, 2l Spezi, ein Baguette, vier Brötchen, vier Energieriegel, eine Packung Gummibärchen, Kartoffel- und Wurstsalat, Landjäger, sowie ein Stück Käse. 1,5l Wasser hab ich in meinen Trinkrucksack, sowie die Flaschen am Rucksack gefüllt. 1,2l Spezi hab ich getrunken und den Rest in meine Trinkflasche, die am Oberrohr befestigt ist, gefüllt. Keine gute Idee. Aber so konnte ich den Rest in meinen Taschen verstauen und bin vorsichtig losgefahren, weil ich befürchtet hab, dass der Hinterschlauch durch das hohe Gewicht platzen könnte.

Geplatzt ist aber nur die Trinkflasche mit Spezi. Das Spezi ist mir über die Beine in die Schuhe gelaufen, hat sich mit Schweiß vermischt und wenig später an meinem geplanten Schlafplatz zahlreiche Insekten angelockt. Der Platz war außerdem übersät mit menschlichen Exkrementen und spätestens jetzt wollte ich nicht mehr an der gleichen Stelle übernachten. Meine GPS-Uhr hab ich trotzdem gestoppt, weil die Tour für mich vorbei war. Vor der Schlafplatzsuche hab ich noch kurz etwas gegessen, war aber nicht der einzig hungrige: zahlreiche Stechmücken haben die Chance genutzt und mich nicht nur gestochen, sondern sich auch mit Blut vollgesaugt.

Und jetzt?

In meinem Bett hätte ich die Probleme nicht gehabt. Und da war sie wieder: die Idee bis Düsseldorf durchzufahren. 24 Stunden unterwegs zu sein, kenn ich durch das 24 Hour Project, das wegen Corona verschoben wurde. Genauso wie der 103k Dolomiti Extreme Trail, der um 22 Uhr startet und bei dem ich durch die Nacht gelaufen wäre. Diese Gedanken sind mir durch den Kopf geschossen als ich mich gefragt hab, ob ich es probieren soll. Wenn mir die Kraft ausgegangen wäre, hätte ich entweder irgendwo mein Zelt aufbauen können oder wie in Breisach zu einem Bahnhof fahren können, um auf den nächsten Zug nach Düsseldorf zu warten.

Also hab ich die GPS-Uhr gestartet und den zweiten Abschnitt als neue Tour begonnen. Die gefahrenen 200km waren optisch ausgeblendet. Es ging wieder bei 0km los. In Boppard hab ich für einen Mitternachtssnack an der Rheinpromenade gehalten und in Bad Breisig für einen Powernap auf einer Parkbank. Danach bin ich nicht mehr in einen gleichmäßigen Tritt gekommen und hab stattdessen die Dämmerung für ein paar Drohnenaufnahmen genutzt.

Radreise durch das Mittelrheintal

Nachts durch das
Mittelrheintal

Das Bild entstand um 4:58 Uhr. Nachts waren leider keine Aufnahmen möglich, weil die Lichtempfindlichkeit der Kamera nicht hoch genug war, um zu filmen oder zu fotografieren wie ich unterm Sternenhimmel durch das Mittelrheintal gefahren bin – dafür aber um den Sonnenaufgang am Drachenfels bei Königswinter zu fotografieren.

Drachenfels bei Königswinter

Sonnenaufgang am
Drachenfels

Die folgenden Stunden waren hart. Von Königswinter bis Düsseldorf hab ich fast fünf Stunden gebraucht. Ohne Kopfhörer hätte ich mich die surrende Kette in den Wahnsinn getrieben, aber mit der passenden Playlist konnte ich nicht nur den Moment genießen, sondern hatte ab Köln auch wieder einen gleichmäßigen Tritt.

Der perfekte Moment war auf der Fleher Brücke. Wenige Kilometer vor dem Ziel lief plötzlich „Düsseldorf“ von Telemann. Volltreffer. Auch wenn ich es erst am Ende des Songs realisiert hab, weil ich die letzten Stunden in einem traumähnlichen Zustand erlebt hab. Dazu beigetragen hat auch meine Playlist, in die ich viele Songs aufgenommen hab mit denen ich persönliche Erlebnisse verbinde. Das hat mich von den Strapazen abgelenkt, immer wieder zum Mitsingen animiert und so dabei geholfen die Spannung hoch zu halten und zwischenzeitlich nicht vom Rad abzusteigen.

Ob ich es noch einmal machen würde? Geplant hab ich es nicht…

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